Die schönsten Radiohits des Ostens
Auf dieser CD gibt es ein Wiederhören mit einigen der beliebtesten Interpreten des DDR-Schlagers. Zu unvergessenen und größtenteils auch heute noch aktiven Stars wie Frank Schöbel, Hauff & Henkler, Chris Doerk, Andreas Holm, Monika Herz, Peter & Paul, Dina Straat, Thomas Lück, Gaby Rückert, Hans-Jürgen Beyer, Aurora Lacasa, Jürgen Walter, Regina Thoss, Ina-Maria Federowski, Peter Wieland und Dagmar Frederic gesellt sich eine kleine Auswahl an singenden Vertretern aus den sogenannten Bruderländern, die in der DDR stets gern gesehene Gäste waren: Aniko aus Ungarn, Ljupka Dimitrovska und Ivica Serfezi aus Jugoslawien sowie das Duo Hana & Dana aus der C(SSR. Sie alle belegten Spitzenplätze in den Wertungssendungen des DDR-Rundfunks wie der "Schlagerrevue" oder dem "Schlagermagazin" und gehörten mit ihren Melodien jahrelang zum Alltag vieler Radiohörer zwischen Kap Arkona und Fichtelberg.
Ungewöhnlich indes dürfte die Auswahl der Lieder auf dieser CD erscheinen. Die allseits bekannten Superhits vom "Meisterschuß" bis zum "Stern" wird man hier vergebens suchen. Stattdessen kommen Aufnahmen aus einer ganz besonderen Schatztruhe zum Vorschein: Erfolgstitel, die einst im Radio rauf- und runtergespielt wurden, nach denen man jedoch im Schallplattengeschäft vergeblich fragte. Daß man diese Lieder, als sie aktuell waren, nicht kaufen konnte, hat einen bestimmten, aus heutiger Sicht vielleicht etwas seltsam anmutenden Grund. In der DDR gab es drei offizielle Produktionsstätten für Unterhaltungsmusik: den Rundfunk, das Fernsehen und den VEB Deutsche Schallplatten. Letztgenannter veröffentlichte nicht nur die eigenen Produktionen, sondern übernahm auch unzählige Titel, die in den Studios von Funk und Fernsehen entstanden und vor dem Erscheinen auf Schallplatte oftmals schon erfolgreich in diversen Sendungen gelaufen waren. Doch nicht alles, was gefragt war, fand seinerzeit den Weg auf eine schwarze Vinylscheibe. Einerseits mußte man sich auf Grund permanenter Materialknappheit auf eine bestimmte Anzahl von Übernahmen aus dem stetig gewachsenen und somit schier unerschöpflichen Rundfunkarchiv in der Berliner Nalepastraße beschränken. Andererseits befanden die Redakteure des Plattenlabels AMIGA manch einen Schlager auch nicht für gut genug, um ihn in Rillenform zu pressen. Wieder andere Titel, die einer Veröffentlichung durchaus würdig gewesen wären, wurden bei den Planungen schlichtweg übersehen. Und so gibt es eine Vielzahl an wunderbaren Liedern, die bis heute ausschließlich in der Erinnerung an alte Radiozeiten existieren, einst gespielt in Sendungen wie "Auf den Flügeln bunter Noten", "Stunde der Melodie", "Tanz mit bis Mitternacht", "Montags geöffnet: Das Tanzlokal der guten Laune", "Klingende Sonntagsgrüße" oder "Mitternachtsmelodie". Eine Auswahl dieser heute im Deutschen Rundfunkarchiv in Potsdam-Babelsberg aufbewahrten Produktionen ist auf dieser CD zu hören, wobei siebzehn Aufnahmen tatsächlich zum ersten Mal überhaupt auf einem Tonträger veröffentlicht werden; drei Titel hatten es immerhin nach dem Ende der DDR schon einmal auf CD geschafft.
Vertreten sind hier aber nicht nur große Interpretennamen, sondern auch einige der renommiertesten Komponisten des DDR-Schlagers: Ralf Petersen, der 1968 die inzwischen längst zum Evergreen avancierte Bostella "Blau ist die Nacht" ins Rennen schickte; Thomas Natschinski, der nicht nur mit Liedern für Gaby Rückert und Jürgen Walter sowie für den DEFA-Film "Heißer Sommer", sondern auch mit der Musik zu den "Spuk"-Serien des DDR-Fernsehens erfolgreich war; Walter Kubiczeck, dem wir unter anderem die zeitlos schöne Musik aus Fernsehserien wie "Das unsichtbare Visier" verdanken; das singende, komponierende und moderierende Multitalent Hartmut Schulze-Gerlach alias Muck; Peter Paulick, seines Zeichens eine Hälfte des Duos Peter & Paul und einige Jahre beruflicher wie privater Wegbegleiter der attraktiven Ungarin Aniko; und nicht zuletzt der fleißige Ohrwurmlieferant Arndt Bause. Die Texte stammen ebenfalls von Meistern ihrer Zunft: Ingeburg Branoner, Gisela Steineckert, Dieter Schneider, Dieter Lietz - um nur einige zu nennen.
Die auf dieser CD zu hörenden Lieder sind die wohl bekanntesten und schönsten Aufnahmen der jeweiligen Interpreten jenseits von deren auf Schallplatten veröffentlichten Titeln - eben echte Radio-Hits. So ist das ergreifende "War ein Baum" der sowohl mit Rockmusik als auch mit Schlagern erfolgreichen Sängerin Dina Straat deren eigenes Lieblingslied unter ihren Schlagern. Die aus alter Zeit überlieferte "Legende" von einer unsterblichen Liebe sorgt bei Chris Doerk noch heute für eine Gänsehaut. Dieses berührende Lied und Jürgen Walters "So sieht das Leben aus" sind gesungene Versionen von ursprünglich instrumentalen Stücken aus der Kultserie "Das unsichtbare Visier". Der bei unzähligen Schlagern aus dem Hintergrund nicht mehr wegzudenkende Jürgen-Erbe-Chor durfte hin und wieder auch im Vordergrund seine Qualität unter Beweis stellen und beispielsweise "Das Lied vom Tag" für die eher besinnlichen Abendstunden in den Radioprogrammen aufnehmen - ein Lied, das einige Jahre zuvor vom tschechischen Sänger Pavel Novak bekannt gemacht worden war. Peter Wielands "Tschüß", im Original eine Melodie aus dem Film "Das Licht der schwarzen Kerze", wurde im Wechsel mit anderen Fassungen dieses Liedes über Jahre hinweg immer wieder am Ende vieler Sendungen gespielt. Und wer erinnert sich schließlich nicht an jenen Evergreen, der dieser CD auch ihren Titel gab: "Wir seh'n uns wieder" mit Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler war fast zwei Jahrzehnte lang Sonntag für Sonntag die Schlussmelodie der legendären Sendung "7 bis 10 - Sonntagmorgen in Spree-Athen" beim Berliner Rundfunk. Das heißt aber auch, daß dieses Band an die tausend Male aufgelegt, abgespielt und wieder zurückgespult wurde, was natürlich hörbare Spuren hinterlassen hat. Doch das wird die Freude über die wieder gefundene Erinnerung an eine längst vergangene Zeit sicherlich nicht trüben.
Möge diese CD dazu beitragen, dass wir unsere Lieblinge aus dem Osten Deutschlands nicht nur Wiederhören, sondern bald auch wieder sehen können. Und nicht nur in Spree-Athen, sondern auch in Elb-Florenz, in Rostock oder in Magdeburg. Und vielleicht ja auch mal in München, in Köln oder in Hamburg.
Frank Eberlein (Autor)